Gedanken zur Jahreslosung 2017 von Dekan Stefan Reimers: Hesekiel 36,26

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Unsere Schöpfungsgeschichte erzählt vom großen Garten Eden, in den Gott den Menschen hinein führte, „dass er ihn bebaute und bewahrte“ (Gen 2, 15). Sie erzählt nicht davon, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Teile dieses Gartens nur zur je eigenen Verfügung zugewiesen bekamen. Der Garten Eden war keine Kleingartenkolonie, in der jeder sein eigenes kleines Stück Land nur für sich bekam, sondern ein großer gemeinsamer Lebensraum für alle.
Erst nach dem Sündenfall begann all das, was uns das Leben so schwer macht: Menschen schämen sich voreinander und verbergen ihre Gefühle und Bedürfnisse. Menschen verletzen einander aus Habgier oder Eifersucht. Sie teilen sich in Völker und Nationen auf, die einander misstrauisch begegnen. Der gemeinsame Raum des Lebens wird aufgeteilt, wird kleinteilig und allzu häufig auch kleingeistig. „Meins“ wird wichtig, und „Deins“ wird gefährlich.

Im Ursprung also gehört Deutschland gar nicht den Deutschen, Australien nicht den Australiern und China nicht den Chinesen. Historisch hat sich das so entwickelt und rechtlich haben wir das so geregelt, aber das ist nicht unsere Verheißung und nicht der Wille des Ursprungs. Jenseits dieser allzu menschlichen Realitäten und geschichtlichen Entwicklungen steht die schöpferische Verheißung Gottes: Allen Menschen ist alle Welt ohne Unterschied zum Leben geschenkt.
Was für eine Provokation: Mauern können tatsächlich eingerissen werden, wenn sie die einen gefangen halten und anderen Reichtum schenken. Der Reichtum an Rohstoffen soll allen Menschen zum Leben dienen, und nicht nur den wenigen, die daran durch geographische oder marktwirtschaftliche Zufälle verdienen können. Die Verantwortung für den Erhalt der Schöpfung ist uns allen ohne Unterschied aufgetragen, unabhängig davon, ob wir in gemäßigten Klima oder unter extremen Bedingungen leben müssen. Menschen auf der Flucht vor schlimmen Erfahrungen in ihrer Heimat dürfen bei mir in der Sicherheit meiner kleinen Welt ein Zuhause finden. Recht auf Asyl heißt: Auch mein Land ist Teil dieser geschenkten Erde, und ich habe kein Recht, anderen hier Hilfe zu verweigern.

Provokationen, vor allem aber Verheißung: Es gibt mehr als mein eigenes Interesse. Wir wissen um die Schöpfung Gottes, den gemeinsamen Garten aller. Wir bekennen Jesus Christus, der sich überhaupt nicht interessiert hat für unsere Grenzen. Der sogar auf der Flucht, im Verborgenen der Armut, in die Welt kam. Das ist die Verheißung einer Welt, in der Gott überall Spuren hinterlässt, so sehr wir ihn auch aussperren mögen. In der Gott überall lebt, so sehr wir ihn auch für uns selbst beanspruchen mögen.
Mit unseren großen christlichen Festen feiern wir diesen grenzenlosen und verheißungsvollen Gott. Diesen Christus, der mitten in der Fremdheit Mensch wurde. Diesen Christus, der mitten unter denjenigen lebte, die selbst keinen Weg ins Leben fanden. Diesen Christus, der mitten durch den Tod ging, um neues Leben zu ermöglichen. Und der in seinem guten Geist auch jetzt die Welt und unsere Herzen füllt mit verheißungsvoller Offenheit füreinander. Grenzenlos.

Ich glaube, wir müssen nicht lange suchen nach dem Geist der Losung für das Jahr 2017. Er ist mitten unter uns, erinnert uns an Gottes Verheißungen und schickt uns Menschen, die Mut machen oder auch unseren Mut brauchen. Er öffnet unsere Herzen füreinander und lässt nicht zu, dass wir uns in unseren Ängsten, in unserer Not oder gar mit unserem Reichtum an Möglichkeiten und Hoffnungen voreinander verstecken. Schon gar nicht hinter Mauern aus Stein oder Hass. Schon gar nicht hinter kleingeistigen nationalen oder gar völkischen Interessen oder Grenzen. Das neue Herz und der neue Geist: Beides steckt längst in uns, und es wird Zeit, es laut zu sagen, kraftvoll zu leben und dankbar in jeder Begegnung wirken zu lassen.